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Cleantech als Schlüssel zur Energiewende?

4. Umwelt- und Wirtschaftstagung der FDP St.Gallen in Buchs

Die angestrebte Energiewende stellt die Gesellschaft in den kommenden Jahren vor enorme Herausforderungen. Bei deren Bewältigung werden derzeit grosse Hoffnungen in Cleantech-Verfahren gesetzt. Die FDP des Kantons St.Gallen rückte die unter diesem Begriff zusammengefassten Technologien ins Zentrum ihrer Umwelt- und Wirtschaftstagung in Buchs.

St.Gallen/Buchs, 3. Juni 2012 | Die Interstaatliche Hochschule für Technik in Buchs (NTB) bildete den idealen Durchführungsort für die 4. Umwelt- und Wirtschaftstagung der FDP des Kantons St.Gallen. Der Schnittstelle zwischen Forschung und Wirtschaft im Rheintal dürfte im Zusammenhang mit der von der Politik eingeläuteten Energiewende ein interessantes Tätigkeitsfeld erwachsen. Rund 30 interessierte Zuhörer nutzten die Gelegenheit und liessen sich von ausgewiesenen Fachleuten über die Chancen und Potenziale im Bereich Cleantech informieren und beteiligten sich aktiv an der Diskussion im zweiten Teil

Grosse Hoffnungen

Unter dem Begriff Cleantech werden Technologien, Herstellverfahren und Dienstleistungen, die zum Schutz der natürlichen Ressourcen beitragen, zusammengefasst. Auf Cleantech beruhen grosse Hoffnungen, um die eingeläutete Energiewende erfolgreich zu meistern. Der Bundesrat hat letztes Jahr mit dem Masterplan Cleantech eine Strategie festgelegt, wie die Ressourceneffizienz und der Einsatz von erneuerbaren Energien erhöht werden können. Die Schweiz hat im Cleantech-Bereich viel Know-how aufgebaut, was die entsprechenden Technologien auch in wirtschaftlicher Hinsicht interessant macht.

 Wo soll investiert werden?

Bis zum Jahr 2050 soll der Endenergieverbrauch in der Schweiz im Vergleich zu heute um 40 Prozent gesenkt werden. Um die ehrgeizig gesteckten Ziele der neuen Schweizer Energiepolitik tatsächlich erreichen zu können, bedarf es immenser Anstrengungen in den Bereichen Energiesparen, Effizienzsteigerung sowie beim Ausbau von erneuerbaren Energien. Stefan Bertsch, Institutsleiter Energiesysteme am NTB, nutzte sein Einstiegsreferat zu einer Auslegeordnung und widmete sich der Frage, in welchen Bereichen in den nächsten Jahrzehnten investiert werden sollte. Die grössten Einsparpotenziale ortet er in den Sektoren Industrie, Heizen und Mobilität, wobei besonders bei letzterer mit beträchtlichen Mehrkosten zu rechnen sei. Was ressourcenschonendes Bauen betreffe, so seien die Technologien für eine Senkung des Energiebedarfs zu Heizzwecken hingegen schon heute vorhanden, bis zum Jahr 2050 rechnet Bertsch damit, dass rund 80 Prozent des Gebäudebestands der Schweiz energetisch saniert seien. Grossen Wert legt Bertsch auf die Optimierung der Speicherkapazitäten. „Im Vergleich zu den heute verbreiteten Heizkesselanlagen liefern Blockheizkraftwerke und Elektro-Wärmepumpen ein Mehrfaches an Wärmeleistung.“ Investitionsbedarf ortete der Referent einerseits bei der Speicherung und Erzeugung von Energie, wobei er den Akzent auf thermische Systeme und die Kraft-Wärme-Koppelung setzt, anderseits bei sogenannten „smarten Systemen“ im Privatbereich, die bedarfsgerecht ausgelegt sind und dem Kunden ein hohes Mass an Entscheidungsfreiheit belassen. Die Herausforderung an die Politik bestehe vorab darin, jene Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen innovative Unternehmen sich entfalten können

 Es geht ohne Subventionen

Letztere Aussage nahm Energieexperte Dominique Reber sogleich auf. Das ehemalige Mitglied der Geschäftsleitung von economiesuisse vertrat in seinem Referat die These, dass die Etablierung von Cleantech in der Schweiz auch ohne Subventionen voranschreite. Die Schweiz sei im Cleantech-Bereich, insbesondere im Bereich der Energieeffizienz, schon heute eine der führenden Nationen. Werden in diesem Umfeld Subventionen ausgeschüttet, dann wird der Heimmarkt künstlich geschützt und verliert so seine Konkurrenzfähigkeit. Die deutsche Solarindustrie erlebe derzeit, was dies bedeute: „Seit Jahren senken Staatsgarantien für Solarstrom den Effizienzdruck in der Industrie und Strukturanpassungen wurden verschlafen. Nun sind es chinesische Firmen, die mit kostengünstigen und wettbewerbsfähigen Modulen in den Markt drängen und deutschen Firmen den Rang ablaufen.“ Um Cleantech-Wachstum realisieren zu können, brauche es keine staatlichen Direktzahlungen und Bundesprogramme. Cleantech sei auch ohne Förderung und Umverteilung ein Wachstumsmarkt und die Schweizer Wirtschaft könne sich profilieren. „Bereits heute verfügen 23,5 Prozent aller Firmen über Produkte oder Prozesse im Bereich Cleantech – und es ist davon auszugehen, dass die Schweizer Cleantech-Branche ihren Weltmarktanteil auch in den kommenden Jahren deutlich ausbauen kann. Alles was es dazu braucht, sind gute Rahmenbedingungen für Unternehmen.“

Eine Erfolgsgeschichte

Eine lokale Firma, die sich vor Jahren mit ihren thermischen Solarkollektoren – sogenannten Vakuumröhrenkollektoren – auf dem Cleantech-Markt etabliert hat, ist die AMK-SOLAC System AG aus Buchs. Verkaufsleiter Uwe Karl stellte den Zuhörern das Unternehmen vor. Vakuumröhrenkollektoren sind die führende Technologie wenn es um die maximale Verwertung von Sonneneinstrahlung geht. Aufgrund ihrer Eigenschaften produzieren sie im Jahresschnitt bis zu 70 Prozent mehr Energie als gewöhnliche Flachkollektoren. Der Umstand, dass die Produktion von Vakuumröhrenkollektoren bedeutend mehr technisches Wissen erfordert führt dazu, dass es bis heute nur wenige Hersteller gibt. AMK-SOLAC ist in der Schweiz die unbestrittene Marktführerin. Zudem hat das Unternehemn, das ausschliesslich in Buchs produziert einen hohen Exportanteil und kann höchst interessante und innovative Projekte in wichtigen neuen Märkten auf der ganzen Welt realisieren.

Fazit der Diskussion

Man war sich in der Diskussion einig: neue Technologien führen auch im Bereich Cleantech zu neuen Lösungen. Diese sind auch zwingend erforderlich, wenn die Energiewende geschafft und die Ziele, welche die Politik nach Fukushima, namentlich auf Bundesebene, ziemlich vollmundig gesteckt hat, auch erreicht werden sollen. Die regionale Industrie wird hier einen wichtigen Beitrag leisten. Dazu ist sie auf gut ausgebildete Ingenieure angewiesen, wie sie die Hochschulen Buchs und Rapperswil im Bereich der Energietechnik ausbilden und auch auf die Infrastruktur, wie sie zum Beispiel in Buchs mit dem Wärmepumpenprüfzentrum besteht, welches in den kommenden zwei Jahren ausgebaut wird.

Dem Begriff Cleantech steht man kritisch gegenüber. Er ist zu wage definiert und stellt mit grosser Sicherheit nur eine vorübergehende Erscheinung dar. In nicht allzu ferner Zukunft werden die Eigenschaften der Produkte generell deutlich stärker auf die umweltrelevanten Anforderungen angepasst sein und neue Innovationen und Produkte werden auf dem Markt verfügbar sein, welche heute noch unbekannte Vorteile bringen. Dass hier ein grosses Potenzial vorhanden ist, ist offensichtlich, die Firma AMK-SOLAC Systems AG zeigt das eindrücklich.

Die mit den gestiegenen Anforderungen verbundenen höheren Investitionen werden zunehmend von der Gesellschaft akzeptiert. Nicht mehr die PS-Zahl macht ein Auto attraktiv, sondern der tiefe Verbrauch. Damit ist ein Zustand erreicht, dass nämlich Gesellschaft, Wirtschaft und Politik in dieselbe Richtung arbeiten. Das führt zu einer Beschleunigung des Umbaus, wie er durch finanzielle Anreize, Subventionen und KEV (Kostendeckende Einspeisevergütung) etc. nie erreicht werden kann.